Lot 102
  • 102

Ferdinand Hodler 1853-1918

Estimate
5,000,000 - 7,000,000 CHF
bidding is closed

Description

  • Ferdinand Hodler
  • DIE DENTS DU MIDI, 1916 THE DENTS DU MIDI, 1916
  • Unten rechts signiert und datiert
  • Öl auf Leinwand
  • 78 x 97 cm
Dieses Gemälde ist im Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft, Zürich, unter der Archiv-Nummer 91 372 inventarisiert.

Provenance

Claudius Berthoud, Genf (nachgewiesen 1917 und 1938)

Exhibited

Genève, Galerie Moos, F. Hodler. Exposition commémorative à l'occasion du XXme anniversaire de sa mort, 1938, Nr. 103 (Les Dents-du-Midi, 1915)

Genève, Musée de l'Athénée, Exposition F. Hodler 1853-1918, 1950, Nr. 53 (Les Dents-du-Midi, 1916, [vermutlich mit falscher Massangabe78 x 87 cm])

Literature

C. A. Loosli, Nachtrag zum Generalkatalog, Nr. 2652 (28.9.1938), (Dents du Midi, 1916)

L. Florentin, C. A. Loosli (introduction), F. Hodler. Exposition commémorative à l'occasion du XXme anniversaire de sa mort, Genève 1938

Wir danken dem Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft, Zürich, für die Angaben zu Provenienz, Ausstellungen und Literatur.

Dieses Werk wird in den vom Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft, Zürich, herausgegebenen Oeuvrekatalog Ferdinand Hodler aufgenommen.

Catalogue Note

Ferdinand Hodler verbrachte den Grossteil des Sommers 1916 zusammen mit seiner Familie im Walliser Bergdorf Champéry, das seit 1907 bequem mit der Bahn erreichbar war. Während dieses Aufenthalts, der von gelegentlichen Reisen des Künstlers nach Genf unterbrochen wurde, malte er mehr als ein Dutzend Landschaftsgemälde mit Motiven aus der näheren Umgebung, so die Bergketten der Dents Blanches und der Dents du Midi und verschiedene Ansichten eines Bergbachs. Das vorliegende Werk gehört zusammen mit Bildern im Kunsthaus Zürich, in einer Waadtländer Sammlung und einem in Privatbesitz befindlichen Gemälde zu einer Serie von vier ähnlichen Fassungen. Sie alle zeigen die Dents du Midi aus der Gegend zwischen Champéry und dem weiter talabwärts gelegenen Dorf Val d'Illiez. Von hier aus präsentiert sich das gegenüberliegende, auf über 3'200 m ü. M. ansteigende Gebirgsmassiv mit seinen sieben Gipfeln als imposante, zackenbekrönte Felswand. Hodler stellte seine Staffelei weit oberhalb des Talgrunds auf. Am unteren Bildrand ist das kupierte Gelände der Alpweiden in kräftigen Gelb- und Grüntönen zu erkennen, auf dem - nur summarisch als kleine braune und teilweise wieder übermalte Flecken angedeutet - Kühe grasen. Danach bricht das Terrain jäh ab, um erst wieder auf der anderen Talseite hinter dichten Nebelschleiern als bläulich gemalter Gebirgszug anzusteigen, dessen markante Konturen sich vor dem hellblauen Himmel scharf abzeichnen. Beim hier zum Verkauf stehenden Gemälde, dessen Provenienz sich bis 1917 beim Erwerb vom Künstler lückenlos zurückverfolgen lässt und das erst 1938 einem grösseren Publikum bekannt wurde, handelt es sich sehr wahrscheinlich um das zuletzt entstandene Werk dieser vierteiligen Bilderserie. Während die beiden Fassungen in Zürich und im Waadtland ein weit gefasstes Panorama des Gebirgszugs zeigen, das weitgehend identisch ist mit einer Kohlezeichnung in der Graphischen Sammlung des Kunsthauses Zürich (Inv. 849), so fokussieren das Werk in Privatbesitz und das hier zu besprechende Gemälde stärker auf die Gipfelpartie, die unmittelbar durch den Bildrand begrenzt wird. In keinem der vier Bilder hat Hodler diese perspektivische Konzentration auf die sieben Bergzinnen so weit voran getrieben wie beim vorliegenden Gemälde. Dieses kontinuierliche Fokussieren ist typisch für die Arbeitsweise des Künstlers: Mittels gradueller Verengung des Bildausschnitts oder durch nachträgliche Formatveränderungen optimierte Hodler die Positionierung des dargestellten Objekts im Bildgefüge und legte so einen neuen Schwerpunkt auf das Motiv, das er in mehreren Varianten und bei unterschiedlicher Beleuchtung studierte. So präsentiert sich die über grünen Wiesen aufsteigende Bergflanke der Dents du Midi in dieser nahsichtigen Betrachtung als majestätischer bläulicher Gebirgsblock im Gegenlicht, dessen bekrönende Zacken fast bis an den oberen Bildrand reichen und den Horizont rhythmisieren. Hodler zog in dieser Ansicht der Dents du Midi alle Register seines künstlerischen Schaffens: Der talübergreifende Blick auf die Bergsilhouette, die bewusst verunklärenden und lyrisch mystifizierenden Nebelschwaden und die sich vor der Himmelsfolie klar abgrenzende monochrome Bergsilhouette sind zentrale Kompositionselemente seiner bisherigen Alpenmalerei, die er als 63jähriger am Fuss dieses Walliser Gebrigszugs nochmals zu einer neuen, überwältigenden Synthese vereinigte. Mit seinem kräftigen Pinselduktus, den deutlich sichtbaren Spachtelspuren in der Nebelzone und dem frischen Kolorit illustriert das vorliegende Gemälde einmal mehr das treffende Diktum von Carl Albert Loosli: «Hodler hat das Hochgebirge nicht geschildert, er hat es dargestellt.»

Wir danken Dr. phil. Matthias Oberli, Wissenschaftlicher Mitarbeiter Oeuvrekatalog Ferdinand Hodler, vom Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft, Zürich, für den Textbeitrag.